{"id":135,"date":"2009-04-10T18:26:44","date_gmt":"2009-04-10T16:26:44","guid":{"rendered":"https:\/\/gerdmillmann.wordpress.com\/?p=135"},"modified":"2009-04-10T18:26:44","modified_gmt":"2009-04-10T16:26:44","slug":"vertrieben-aus-dem-doping-paradies","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerd-millmann.at\/?p=135","title":{"rendered":"Vertrieben aus dem Doping-Paradies"},"content":{"rendered":"<p><em>Lange blieb das Thema Doping in \u00d6sterreich unbeachtet. Das Gest\u00e4ndnis von Bernhard Kohl \u00e4ndert dies. Ein System aus L\u00fcgen und Vertuschung ger\u00e4t ins Wanken<\/em><\/p>\n<p>Von Joseph Gepp, Christoph Heshmatpour, Gerd Millmann, Johann Skocek und Daniel Nutz<\/p>\n<p>2009 zuerst erschienen im <a href=\"http:\/\/www.falter.at\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Falter<\/a>, am 10. April 2009 in der <a href=\"http:\/\/www.zeit.at\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ZEIT ONLINE<\/a>.<\/p>\n<p><!--more-->Da sitzt er nun und redet. Er hebt eine Augenbraue, skeptisch, fast sch\u00fcchtern, er duckt sich weg vor blendenden Blitzlichtern. Das ist nicht mehr die \u00d6ffentlichkeit, die er kannte, damals, nach seinem Sieg. Er wurde verehrt und verdammt, er war ein Held und Betr\u00fcger, er hat gejubelt und geweint. Nur geredet hat er nie.<\/p>\n<p>Bernhard Kohl, 27, ein junger Mann aus Wolkersdorf im Weinviertel, Rauchfangkehrerlehrling, Radprofi. Vergangenes Jahr fuhr er als Dritter der Tour de France den gr\u00f6\u00dften Erfolg der \u00f6sterreichischen Radsportgeschichte ein. Drei Monate sp\u00e4ter gestand er, von positiven Kontrollen in die Enge getrieben, seinen Dopingmissbrauch. Er weinte dabei. Titel und Ruhm waren so pl\u00f6tzlich verschwunden, wie sie gekommen waren. Bernhard Kohl ist zur Chiffre geworden, zum Anlass und Symbol daf\u00fcr, dass bei Doping in \u00d6sterreich etwas in Bewegung geraten ist.<\/p>\n<p>Vorvergangenen Dienstagabend gibt er erneut eine Pressekonferenz. Diesmal geht es um Hinterm\u00e4nner und dopende Sportlerkollegen. Namen zu nennen hat Kohl stets verweigert und dadurch das Interesse am Thema Doping erst recht angeheizt.<\/p>\n<p>Jetzt blickt er immer fragend zu seinem Anwalt. Man wachse von Beginn an in diese Szene hinein, rechtfertigt er sich leise. Er habe sich am Kauf einer Blutzentrifuge beteiligt, erz\u00e4hlt er, mit anderen Sportlern. 20.000 Euro habe sein Anteil am Eigenblutdoping im Einfamilienhaus betragen. Und dann nennt er den Mann, der all das organisiert haben soll: Stefan Matschiner, 33, seinen ehemaligen Manager.<\/p>\n<p>13 Stunden fr\u00fcher. Im ober\u00f6sterreichischen Laakirchen sitzt Matschiner gerade am Fr\u00fchst\u00fcckstisch, als die Polizei eintritt. Zehn Mann, Sonderkommission Doping. Zwei bewachen ihn, der Rest durchsucht das Haus. Dann f\u00fchren sie ihn ab.<\/p>\n<p>Als Kohl im Caf\u00e9 Landtmann spricht, sitzt Matschiner schon in Untersuchungshaft, teilt dort f\u00fcr eine Nacht die Zelle mit dem Bankier Julius Meinl. Die Triathletin Lisa H\u00fctthaler hat den Sportmanager drei Tage zuvor in einem Kurier-Interview belastet, Kohl tut es jetzt auch, obwohl er bisher immer das Gegenteil behauptet hat. Sie beide wollen Kunden bei Matschiner gewesen sein. Mit Epo, Wachstumshormonen, Insulin und Testosteron sei dort gehandelt worden. Um tausende Euro, im improvisierten Heimlabor, mit Decknamen auf Blutbeuteln und Medikamentensch\u00e4chtelchen.<\/p>\n<p>Und es soll noch mehr Kunden gegeben haben, sagt Kohl. Der Sonderkommission habe er die Namen bereits genannt.<\/p>\n<p>\u00d6sterreich, dieser Tage. Ein Dopinggest\u00e4ndnis ergibt eine Verhaftung, auf sie folgen wiederum Gest\u00e4ndnisse. So kommen derzeit laufend Fakten ans Licht, die bislang nur als Ger\u00fcchte existierten. Es fallen Namen, die auszusprechen bislang eine Unterstellung gewesen w\u00e4re. Es offenbaren sich Zusammenh\u00e4nge, die bislang vage Verdachtsmomente pl\u00f6tzlich erdr\u00fcckend konkret machen.<\/p>\n<p>Jetzt spricht das ganze Land vom \u201eNetzwerk\u201c, vom \u201eDoperparadies\u201c, von der \u201eMafia-Organisation\u201c im Hintergrund. Zw\u00f6lf Leute soll der innerste Kern der Dopingclique umfassen, besagen Ger\u00fcchte, von denen man derzeit recht viele h\u00f6rt.<\/p>\n<p>Wie Schneebretter, die eine Lawine ausl\u00f6sen, rei\u00dft nun eine Information die n\u00e4chste mit sich.<\/p>\n<p>Den ersten Impuls gab der Druck des Auslands. Als eine Putzfrau bei den Olympischen Winterspielen von Salt Lake City 2002 im \u00f6sterreichischen Quartier Blutbeutel und Spritzen fand; als der Langlauftrainer Walter Mayer nach einer Razzia bei den Spielen von Turin 2006 betrunken und mit Selbstmordabsicht in eine K\u00e4rntner Verkehrskontrolle raste; als das Ger\u00fccht aufkam, dass Experten f\u00fcr DDR-Staatsdoping seit dem Mauerfall ihre Kenntnisse in \u00d6sterreich verbreiten \u2013 da schwante es den kanadischen Weltdopingkontrolloren, den Schweizer Olympiamanagern, den deutschen Journalisten: Etwas stimmt nicht im Staat \u00d6sterreich. Sie belegten Sportler mit Berufssperren, sie zwangen den m\u00e4chtigen \u00d6sterreichischen Skiverband zur Geldbu\u00dfe und Rechtfertigung, sie nahmen das mysteri\u00f6se Blutlabor Humanplasma in Wien-Alsergrund ins Visier. Und eine Debatte kam in Gang.<\/p>\n<p>Danach, wie ein zweites Schneebrett, folgten \u00f6sterreichische Medien. Engagierte Schreiber vom Kurier, von den Ober\u00f6sterreichischen Nachrichten, von der Tiroler Tageszeitung thematisierten die Vorw\u00fcrfe. Sie arbeiteten hart gegen m\u00e4chtige Sportverb\u00e4nde, die viel zu verlieren haben. Und gegen eigene Kollegen, die ihre Jubelmeldung zur patriotischen B\u00fcrgerpflicht erkl\u00e4rt haben. Die Debatte weitete sich aus, reicherte sich an, wurde konkret.<\/p>\n<p>Zuletzt, als das Geb\u00e4lk schon knarrte, kamen die Beh\u00f6rden ins Spiel. Gesetze wurden versch\u00e4rft. Die neu gegr\u00fcndete Nationale Antidopingagentur Nada, die unabh\u00e4ngig von Sportverb\u00e4nden agiert, ersetzte 2008 ihren zahnlosen Vorg\u00e4nger, das \u00d6sterreichische Anti-Doping-Comit\u00e9. SP\u00d6-Sportminister Norbert Darabos gilt \u2013 im Gegensatz zu seinem \u00d6VP-Vorg\u00e4nger Reinhold Lopatka \u2013 als Falke, was Doping betrifft. Er fordert Haftstrafen, nicht nur f\u00fcr den Handel, sondern auch f\u00fcr den Konsum von verbotenen Leistungssteigerungssubstanzen.<\/p>\n<p>Die Konsequenzen dieses Wandels zeigen sich im Aufwand f\u00fcr Dopingjagd und im Diskurs dar\u00fcber: Doping betreute fr\u00fcher bundesweit ein einziger Polizist, der zus\u00e4tzlich noch das Feld Umweltkriminalit\u00e4t abdecken musste. Heute ermittelt eine zehnk\u00f6pfige Sonderkommission.<\/p>\n<p>Bei Sportfans und Beh\u00f6rden gilt es jetzt nicht mehr als geduldetes Kavaliersdelikt. Mit Hei\u00dfhunger st\u00fcrzen sich Journalisten und Interessierte auf das n\u00e4chste Gest\u00e4ndnis, die n\u00e4chste Verhaftung, den n\u00e4chsten geoffenbarten Zusammenhang. F\u00fcr exklusive Interviews z\u00fccken Zeitungen mittlerweile das Scheckbuch.<\/p>\n<p>So formten die Schneebretter eine Lawine, die derzeit das \u00f6sterreichische Sportlerdorf unter sich begr\u00e4bt: Freitag vor zwei Wochen werden erstmals in \u00d6sterreich zwei Personen wegen mutma\u00dflichen Dopinghandels festgenommen, ein ehemaliger Radprofi und ein Apotheker \u2013 beide sind inzwischen wieder\u00a0 frei. Zwei Tage sp\u00e4ter kommt Walter Mayer, Ex-\u00d6SV-Trainer und einst als \u201eVater des \u00f6sterreichischen Langlaufwunders\u201c ger\u00fchmt, in U-Haft. Weitere zwei Tage darauf bezichtigt die gesperrte Triathletin Lisa H\u00fctthaler in einem aufsehenerregenden Kurier-Interview Stefan Matschiner und den Wiener Kinderarzt Andreas Z. des Dopinghandels. Vier Tage sp\u00e4ter, vorvergangenen Dienstag, wird Stefan Matschiner festgenommen. Gleichzeitig kommen drei Hobbysportler in Haft, die in Fitnessstudios mit Anabolika gedealt haben sollen. Und am Abend desselben Tages gibt Bernhard Kohl seine Pressekonferenz.<\/p>\n<p>Dabei f\u00e4llt ein weiterer Name. Denn Kohl best\u00e4tigt nicht nur H\u00fctthalers Anschuldigungen gegen Matschiner. Er spricht auch ein Institut an, dessen mutma\u00dfliche Machenschaften man aus Mangel an rechtlicher Handhabe mittlerweile wieder ad acta gelegt hatte: Humanplasma.<\/p>\n<p>Humanplasma, ein Blutplasmaspendezentrum am Alsergrund, in einem grauen 70er-Jahre-Bau schr\u00e4g gegen\u00fcber dem Franz-Josephs-Bahnhof. An diesem Tag schl\u00fcpfen vor allem Studenten und Lehrlinge durch die T\u00fcr im ersten Stock. Es riecht klinisch sauber, pro Plasmaspende winken 20 Euro.<\/p>\n<p>An stillen Sonntagvormittagen, munkelte man lange, w\u00fcrden statt der Studenten und Lehrlinge andere Kunden kommen. Internationale Spitzenathleten w\u00fcrden Humanplasma zum Blutdoping nutzen, behauptete die Die Zeit Anfang 2008 erstmals \u00f6ffentlich. Kurz darauf wurde die Weltantidopingagentur Wada beim damaligen Sportstaatssekret\u00e4r Reinhold Lopatka vorstellig und forderte in Sachen Humanplasma zum Handeln auf.<\/p>\n<p>Plasma, der fl\u00fcssige und zellfreie Teil des Blutes, wird zu Medikamenten verarbeitet. Im Humanplasma-Tagesbetrieb zapft man Spendern rund zwei Liter Blut ab. Sie flie\u00dfen durch eine Maschine, die das Plasma vom Blut trennt. Es bleibt dem Labor, w\u00e4hrend das restliche Blut mittels Schlauch zur\u00fcck in die\u00a0 Adern der Ellbogenbeuge geht.<\/p>\n<p>Nun aber erhoben sich immer mehr Stimmen, die das Geschehen abseits dieses Tagesbetriebs ansprachen: Hunderte Spitzenathleten seien in das Institut gegangen, behauptete ein finnischer Exlanglauftrainer. Die Wiener Blutbank soll eine europ\u00e4ische Adresse gewesen sein, ein Umschlagplatz f\u00fcr Busladungen voller Sportler. Und \u00d6sterreichs Beh\u00f6rden begannen zu ermitteln.<\/p>\n<p>Blutdoping ist schwer nachzuweisen und entsprechend beliebt bei Athleten. Per Infusion bekommt der Doper einen Extraliter Blut aus einem Plastikbeutel. Es kann \u2013 vorab gezapftes \u2013 eigenes oder fremdes sein, solange Rhesusfaktor und Blutgruppe stimmen. Blut transportiert Sauerstoff. Mehr Blut bedeutet mehr Sauerstoff und damit mehr Ausdauer. Der Effekt h\u00e4lt rund einen Monat \u2013 bei entsprechender Belastung f\u00fcr das Herz, das den Extraliter durch den Organismus pumpen muss. Blutdoping verfolgt denselben Zweck wie das Hormonpr\u00e4parat Epo, Erythropoetin. Epo ist als Medikament gegen An\u00e4mie gedacht, den Mangel an roten Blutk\u00f6rperchen. Es erg\u00e4nzt jene Substanz in der Niere, die Blutk\u00f6rperchen bildet. Im Vergleich zu Blutdoping ist Epo f\u00fcr Sportler problemlos zu handhaben \u2013 man setzt sich eine Spritze mit f\u00fcnf Millilitern Fl\u00fcssigkeit in die Bauchfalte. Allerdings ist Epo auch leichter nachweisbar als der Zuschuss von Extrablut.<\/p>\n<p>Die Ermittlungen gegen Humanplasma blieben trotz aller Hinweise ergebnislos. Blutdoping war zu diesem Zeitpunkt noch nicht Bestandteil des \u00f6sterreichischen Antidopinggesetzes. Vor zwei Wochen wurde das Verfahren gegen zwei Humanplasma-\u00c4rzte deshalb endg\u00fcltig eingestellt.<\/p>\n<p>Dann kam Bernhard Kohl, der mit Epo und Extrablut gedopt hatte. Bei der Pressekonferenz vorvergangenen Freitag sagte sein Anwalt Manfred Ainedter: \u201eAls Humanplasma nach den Vorf\u00e4llen von Turin zusperren musste, hat Herr Matschiner die Agenden \u00fcbernommen, die Ger\u00e4te angeschafft und damit Blutdoping betrieben.\u201c<\/p>\n<p>Diese Aussage k\u00f6nnte eine weitere Lawine ausl\u00f6sen. Denn Kohl und sein Anwalt gestanden nicht nur den Kontakt mit Humanplasma, wo Matschiner seine Blutzentrifuge herbekommen haben soll. Sie zogen auch eine Linie von der Blutbank zu den Spielen von Turin, wo bei einer Razzia im Quartier der \u00f6sterreichischen Langl\u00e4ufer und Biathleten gro\u00dfe Mengen an Dopingutensilien gefunden worden waren. Es scheint, als habe Matschiner \u2013 in Turin 2006 \u00fcbrigens auf Besuch bei Langlauftrainer Walter Mayer \u2013 nach dem Skandal die verrufenen Aktivit\u00e4ten von Humanplasma weitergef\u00fchrt. Und es scheint, als h\u00e4tten auch einige \u00f6sterreichische Skiathleten den umtriebigen Matschiner konsultiert.<\/p>\n<p>Mittlerweile haben neue Ermittlungen gegen Humanplasma begonnen, wegen mutma\u00dflicher Steuerhinterziehung. Und glaubt man Polizeikreisen, dann arbeitet sich die Soko immer weiter dorthin vor, wo es wirklich wehtut: in Richtung Skisport.<\/p>\n<p>Skisport und der \u00d6SV, ein \u00f6sterreichisches Dogma, ein Hort erfolgreicher Sportler und Funktion\u00e4re. Nicht einmal zwei gro\u00dfe Dopingskandale in vier Jahren \u2013 Salt Lake City 2002, Turin 2006 \u2013 konnten dem m\u00e4chtigen Skiverband wirklich schaden.<\/p>\n<p>Erst vergangene Woche, unter dem Druck der Ereignisse, sprach sich \u00d6SV-Pr\u00e4sident Peter Schr\u00f6cksnadel f\u00fcr die strafrechtliche Verfolgung von dopenden Sportlern aus. Er schlie\u00dft sich damit anderen Sportverb\u00e4nden an und bef\u00fcrwortet den Darabos-Plan. Schr\u00f6cksnadel steht unter Druck. Denn der Turiner Staatsanwalt Raffaele Guariniello pr\u00fcft derzeit gegen ihn und weitere \u00d6SV-Funktion\u00e4re eine Anzeige wegen organisierten Dopings in Turin. Vor allem, dass man Langlauftrainer Walter Mayer trotz Sperre nach Turin mitnahm, st\u00f6\u00dft Guariniello sauer auf.<\/p>\n<p>Der \u00d6SV-Pr\u00e4sident verteidigt sich: Ja, der gesperrte Mayer sei zwar als Mitglied der \u00d6SV-Delegation in Turin gewesen. Aber das \u00d6sterreichische Olympische Comit\u00e9 habe doch gewusst, dass eine Razzia kommen w\u00fcrde. Und den Landsm\u00e4nnern vom Skiverband unsolidarischerweise nichts davon erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Die Argumentation entspricht einem alten Denkschema in Sachen Doping: Nicht dopende Sportler und Hinterm\u00e4nner sind b\u00f6se, sondern heimische Funktion\u00e4re. Schr\u00f6cksnadel beklagt, dass ihn das hiesige Olympiakomitee ans Messer lieferte, indem es die Razzia nicht verriet. Solche Muster scheinen sich durchzuziehen: \u201eNur in zerstrittenen Verb\u00e4nden gibt es positive Dopingtests\u201c, erkl\u00e4rt der Michael Dimmel, Trainer und Lebensgef\u00e4hrte der Triathletin Lisa H\u00fctthaler. \u201eBeim \u00d6SV und beim Fu\u00dfballbund sind sie absolute Ausnahmen.\u201c<\/p>\n<p>Die Muster verhinderten lange Zeit Aufkl\u00e4rung. Sie f\u00fchrten dazu, dass \u00d6sterreich zu einem Zentrum und Umschlagplatz f\u00fcr Doping wurde. Dass ein &#8222;Dopingparadies&#8220; entstand, wie die ehemalige Schwimmerin Vera Lischka im Vorjahr meinte.<\/p>\n<p>Das offizielle \u00d6sterreich ma\u00df Doping lange Zeit keine Bedeutung bei. Das beweist eine lange Reihe von Widerspr\u00fcchen, Vertuschungen und Ungereimtheiten.<\/p>\n<p>Die erste internationale Dopingkontrolle fand 1993 statt, bei der \u00f6sterreichischen Sprinterstaffel. Alle vier L\u00e4ufer hatten, wie sich herausstellte, anabole Steroide konsumiert. Anabolika werden, im Gegensatz zu Blutdoping oder Epo, oft in Form von Tabletten eingenommen, sie dienen dem Muskelaufbau und weniger der Ausdauer.<\/p>\n<p>Die vier Sprinter wurden vom Sportmediziner Hans Holdhaus betreut. Er darf seitdem keine Kontrollen mehr durchf\u00fchren, wird aber trotzdem bis heute in \u00d6sterreich als Dopingexperte herumgereicht.<\/p>\n<p>Neun Jahre sp\u00e4ter entdeckte man in Salt Lake City Blutbeutel und Spritzen im M\u00fcll von \u00d6sterreichs Langl\u00e4ufer. Die heimische Politik reagierte prompt: Per Verordnung verf\u00fcgte FP\u00d6-Verteidigungsminister Herbert Scheibner, dass Dopingkontrollen im Langlauftrainingszentrum Hochfilzen, das in Milit\u00e4rgebiet liegt, nur noch bei schriftlicher Voranmeldung m\u00f6glich seien.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich verhielt es sich, als Humanplasma ins Gespr\u00e4ch kam. Dass Wien offenbar Doping-Anlaufstelle war, d\u00fcrfte man gewusst \u2013 und ignoriert \u2013 haben. Darauf l\u00e4sst eine Aussage von Lopatkas Vorg\u00e4nger, FP\u00d6-Sportstaatssekret\u00e4r Karl Schweitzer, schlie\u00dfen. Im R\u00fcckblick auf seine Amtszeit erkl\u00e4rte er k\u00fcrzlich Der Zeit : \u201eNat\u00fcrlich habe ich von Humanplasma gewusst. Da waren ja alle dort.\u201c<\/p>\n<p>Dass sich sein Nachfolger Lopatka ebenso wenig f\u00fcr Humanplasma interessierte, schreiben manche seiner Familie zu: Bruder Ferdinand ist \u00d6SV-Teamarzt. Und dass zwischen dem \u00d6SV und Humanplasma manch Querverbindung bestand, wei\u00df man sp\u00e4testens seit den Aussagen von Kohl-Anwalt Ainedter \u00fcber Stefan Matschiner, der nach Turin die Dopingagenden von Humanplasma \u00fcbernommen haben soll.<\/p>\n<p>Wissen, aber wegschauen. Dieses Credo im Interesse der Staatsr\u00e4son hat den Umgang der Politik mit Doping jahrzehntelang gepr\u00e4gt. 1997 entdeckten Steuerfahnder im Haus des ober\u00f6sterreichischen Exbodybuilders Manfred Kiesl Unmengen an Dopingmitteln. &#8222;Unfassbar, dass mein Mann so etwas im gemeinsamen K\u00fchlschrank gelagert hat&#8220;, meinte dazu seine Frau, Theresia Kiesl, Olympiabronzegewinnerin im Mittelstreckenlauf 1996 und heute \u00d6VP-Ober\u00f6sterreich-Sportsprecherin. \u201eIch f\u00fchle mich hintergangen.\u201c<\/p>\n<p>Bei derselben Hausdurchsuchung fand die Polizei auch eine Liste mit mutma\u00dflichen Kunden von Manfred Kiesl. Es kam allerdings nie zu Ermittlungen. Stattdessen verschwand die Liste spurlos. Bis heute wei\u00df niemand, wo sie sich befindet. Und Kiesl gr\u00fcndete sechs Jahre sp\u00e4ter eine Firma zur Sportvermarktung \u2013 gemeinsam mit Stefan Matschiner.<\/p>\n<p>Erst jetzt beginnt das Umdenken. Im August 2008 trat ein neues, strengeres Antidopinggesetz in Kraft. \u201eStrenge Strafen und bessere M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Fahnder haben die Situation ver\u00e4ndert\u201c, sagt der Innsbrucker Sportpsychologe Christopher Willis. \u201eJetzt ist es aber unbedingt notwendig, dass an Schl\u00fcsselpositionen Leute sitzen, die das neue System vertreten.\u201c<\/p>\n<p>Eine dieser Schl\u00fcsselpositionen haben Dopinggegner schon inne. \u201eIch will, dass auch Sportler bestraft werden\u201c, wiederholt Sportminister Norbert Darabos immer wieder (siehe Interview Seite 37). Nur so komme man an die Hinterm\u00e4nner.<\/p>\n<p>Im politischen Establishment gilt das als Maximalforderung \u2013 und Darabos findet daf\u00fcr nicht einmal in der eigenen Partei R\u00fcckhalt. Sportsprecher von SP\u00d6 wie \u00d6VP pl\u00e4dieren f\u00fcr die bestehende Ordnung: nein zur Strafbarkeit von Sportlern, ja zu jener der Hinterm\u00e4nner. \u201eDas ist eine Doppelbotschaft\u201c, meint Sportpsychologe Christopher Willis. \u201eEinerseits ist Dopen verboten. Andererseits okay, solange man nicht erwischt wird.\u201c<\/p>\n<p>Die fehlende Strafbarkeit von Sportlern f\u00fchrt zu vertrackten Situationen: Die Fahnder der Soko Doping haben nach eigenen Angaben inzwischen rund 70 Dopings\u00fcnder ermittelt. Die Antidopingagentur Nada w\u00e4re beauftragt, gegen diese Athleten Sperren zu verh\u00e4ngen. Das kann sie aber nicht, weil die Justiz ihre Namen nicht an die Nada weitergeben darf: Die Sportler sind ja unbescholten und Ermittler zur Verschwiegenheit verpflichtet. \u00dcberf\u00fchrte Doper wie Lisa H\u00fctthaler oder Bernhard Kohl legen vor der Staatsanwaltschaft Gest\u00e4ndnisse ab, der Nada hingegen verweigern sie die Aussage. Auch im wichtigen Fall Matschiner durfte die Nada nicht in die Akten sehen und musste sich ihr Wissen aus den Zeitungen holen. \u201eEine nicht hinnehmbare Situation\u201c nennt das NADA-Jurist Gernot Schaar, der nun als Privatankl\u00e4ger gegen den angeblichen Wiener Doping-Arzt Andreas Z. vorgehen will. Nur auf diese Art k\u00f6nne er an die Unterlagen kommen.<\/p>\n<p>\u201eErst angesichts der aktuellen Aff\u00e4ren\u201c, sagt NADA-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Andreas Schwab, \u201esind die Beh\u00f6rden bereit, die Zusammenarbeit zu verbessern.\u201c Zwar m\u00fcssten juristische Fragen noch gekl\u00e4rt werden. Aber es ist etwas in Bewegung geraten, was Doping in \u00d6sterreich betrifft.<\/p>\n<p>\u00d6ffentlicher Druck ist entstanden, der Vertuschungen verhindert und Akteure zum Handeln zwingt. Medien und Beh\u00f6rden treiben die Causa weiter, mit ihren Recherchen und Informationen st\u00e4rken sie sich gegenseitig.<\/p>\n<p>Ein L\u00fcgensystem hat so an allen Ecken zu krachen und wanken begonnen. Eine spannende multidimensionale Erz\u00e4hlung mit vielen Akteuren hat sich entwickelt.<\/p>\n<p>Am Ende dieser Erz\u00e4hlung, in einem wei\u00dfen Raum eines schmucklosen zweist\u00f6ckigen Hauses, sitzt Edmund Benetka. Er ist weit weg von der oft hysterischen Dopingdebatte \u2013 und doch mittendrin. Benetka, 48, leitet die Chemische Analytik am Forschungszentrum Seibersdorf, Geb\u00e4ude EB, das sogenannte Dopinglabor.<\/p>\n<p>Er nimmt die versiegelten Gl\u00e4schen mit Harn oder Blut in Empfang, die von Sportverb\u00e4nden oder Nada per Botendienst geschickt werden. Er taut die Proben auf, zentrifugiert sie, jagt sie durch Messger\u00e4te, \u00fcberpr\u00fcft die Ergebnisse am Bildschirm auf m\u00f6gliche Spuren. Surreal angeordnete wei\u00dfe Flecken auf schwarzem Grund zeigen ihm dann, ob ein Sportler Epo gespritzt hat oder nicht. Benetka \u00f6ffnet eine schmale K\u00fchlkammer, minus 20 Grad, hier steht das m\u00f6gliche Beweismaterial: Gl\u00e4schen in blauen Boxen, durchnummeriert, geschlichtet in st\u00e4hlerne Regale. Das Nadel\u00f6hr des sauberen Sports in \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>Und wenn alle Abl\u00e4ufe erfolgt und alle Aufbewahrungsfristen verstrichen sind, dann komme das Zeug ins Klo, sagt Benetka. Dann befassen sich andere Stellen mit dem Thema.<\/p>\n<p>Mit freundlicher Genehmigung des <a href=\"http:\/\/www.falter.at\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Falters<\/a> in der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ZEIT ONLINE<\/a> ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lange blieb das Thema Doping in \u00d6sterreich unbeachtet. Das Gest\u00e4ndnis von Bernhard Kohl \u00e4ndert dies. 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