{"id":48,"date":"2007-11-22T11:39:00","date_gmt":"2007-11-22T10:39:00","guid":{"rendered":"https:\/\/gerdmillmann.wordpress.com\/?p=48"},"modified":"2007-11-22T11:39:00","modified_gmt":"2007-11-22T10:39:00","slug":"doping-ohne-reue","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerd-millmann.at\/?p=48","title":{"rendered":"Doping ohne Reue?"},"content":{"rendered":"<p><em>Heimlichtuerei, Ungereimtheiten, Beschwichtigungen. Niemand kann garantieren, dass \u00f6sterreichische Skifahrer ausreichend kontrolliert werden. Ein Sittenbild.<\/em><br \/>\nVon Gerd Millmann<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/diezeit.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">DIE ZEIT<\/a> Nr. 48\/2007 vom 22. November 2007<\/p>\n<p><!--more-->Ein heikles Thema, ein paar schwarze Schafe vielleicht. Doch in \u00d6sterreich scheint es kein gro\u00dfes Problem zu sein, wenn sportliche Leistungen nicht immer ganz regelkonform erzielt wurden. Der des Dopings \u00fcberf\u00fchrte Skifahrer Hans Knauss kommentierte w\u00e4hrend seiner Sperre Ski\u00fcbertragungen f\u00fcr den ORF, der gedopte H\u00fcrdenl\u00e4ufer Elmar Lichtenegger arbeitet heute f\u00fcr den Leichtathletikverband und als Sportsprecher des BZ\u00d6. Der wegen Dopings an DDR-Jugendlichen verurteilte Arzt Bernd Pansold betreut die von Red Bull gesponserten Sportler. Und die L\u00e4uferin Theresia Kiesl werkt als Pr\u00e4sidentin des Ober\u00f6sterreichischen Leichtathletikverbands. In ihrer Wohnung waren 1998 Unmengen an Wachstumshormonen und Anabolika sichergestellt worden.<\/p>\n<p>Wenn das Wort Doping f\u00e4llt, zeigen sofort alle Finger auf die schmutzigen Helden des Radrennsports. Aber Doping bei Skifahrern? Noch dazu in \u00d6sterreich, der besten Skination der Welt? Ein Tabu. Doch ein Blick auf die Mechanismen, mit denen die Heroen der Pisten kontrolliert werden, zeigt: Das eigentlich f\u00fcr strenge Kontrollen bezahlte Anti-Doping-Comit\u00e9 kommt seiner Aufgabe nicht nach. Stattdessen st\u00f6\u00dft man allerorten auf Heimlichtuerei, Beschwichtigung und Ungereimtheiten.<\/p>\n<p>\u00bbMein Name kommt aber nicht vor.\u00ab. Fast jedes Gespr\u00e4ch zum Thema Doping endet mit diesen Worten. Trainer, Spitzensportler, Politiker, Juristen \u2013 sie alle wollen anonym bleiben. Eine Recherche \u00fcber Organisierte Kriminalit\u00e4t k\u00f6nnte \u00e4hnlich verlaufen.<\/p>\n<p>Wovor haben die Beteiligten Angst? \u00bbManche f\u00fcrchten um ihr Leben. Da geht es um viele Millionen Euro\u00ab, sagt einer, der es wissen muss. Der K\u00e4rntner Richter Arnold Riebenbauer hat im Auftrag des \u00f6sterreichischen Skiverbands \u00d6SV jenen Disziplinarausschuss geleitet, der nach der Turiner Dopingaff\u00e4re im Februar 2006 zwei \u00f6sterreichischen Biathleten und deren Betreuern aktives Doping attestierte. \u00bbEine Spur f\u00fchrte uns zu einer Blutbank in Wien\u00ab, sagt Riebenbauer. Kunden k\u00f6nnen bei der Filiale eines internationalen Pharmaunternehmens Blutplasma spenden oder eigenes Blut lagern, um bei einer Operation darauf zur\u00fcckgreifen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Blutbanken bieten aber auch ideale Voraussetzungen f\u00fcr sogenanntes Blutdoping. Dabei lassen sich Sportler Blut abzapfen, die darin enthaltenen roten Blutk\u00f6rperchen werden konzentriert sp\u00e4ter wieder zugef\u00fchrt: eine sehr wirkungsvolle, aber streng verbotene Methode, um die Ausdauerf\u00e4higkeit zu steigern. \u00bbEs dr\u00e4ngt sich der Verdacht auf, dass \u00d6sterreicher, aber auch Deutsche, das DDR-Trainingssteuerungssystem samt Blutdoping \u00fcbernommen haben\u00ab, meint Giselher Spitzer, Privatdozent an der Berliner Humboldt-Universit\u00e4t und Kenner der DDR-Sportmedizin. Blutdoping erlebe derzeit ein Revival, weil Epo, ein verbotenes Hormonpr\u00e4parat, das ebenfalls die Zahl der roten Blutk\u00f6rperchen erh\u00f6ht, von den Dopingfahndern mittlerweile gut nachgewiesen werden kann.<\/p>\n<h2>Wer einen Dopingtest vers\u00e4umt, wird fortan in Ruhe gelassen<\/h2>\n<p>Das Blutlabor in Wien ist dabei offenbar eine einschl\u00e4gig bekannte Adresse. \u00bbNat\u00fcrlich kenne ich es. Viele Skifahrer gehen dorthin, aber beweisen kann es niemand\u00ab, erinnert sich ein ehemaliges Mitglied der Bundesregierung, das namenlos bleiben will. Ganz anders sieht das der \u00e4rztliche Leiter des Labors: \u00bbWir betreuen keine Sportler, unsere Kunden sind Hausfrauen und Studenten.\u00ab<\/p>\n<p>Wenn schon ein Richter von \u00bbIndizien\u00ab spricht und ein ehemaliger Spitzenpolitiker ihm zustimmt: Warum geht die Justiz den Vorw\u00fcrfen nicht nach? \u00bbDoping kann nicht strafrechtlich verfolgt werden\u00ab, sagt Richter Riebenbauer. \u00bbDeshalb stehen auch keine Zwangsma\u00dfnahmen zur Verf\u00fcgung \u2013 alle m\u00fcssen freiwillig aussagen.\u00ab Daran wird auch das neue Antidopinggesetz nichts \u00e4ndern, das am 1. Juli 2008 in Kraft tritt. Dieses Gesetz, angeblich eines der strengsten weltweit, wurde nach der Dopingaff\u00e4re der Langl\u00e4ufer in Turin eilig beschlossen, um zu verhindern, dass heimische Teams von den Olympischen Spielen ausgeschlossen werden. Sportliche Leistungssteigerung mithilfe verbotener chemischer oder medizinischer Methoden wird weiterhin nicht strafrechtlich geahndet. Lediglich die finanziellen Mittel f\u00fcr Tests, Aufkl\u00e4rung der Sportler und Pr\u00e4vention werden aufgestockt, und das Anti-Doping-Comit\u00e9 (\u00d6ADC) soll durch eine neue Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) ersetzt werden, die unabh\u00e4ngig von den Fachverb\u00e4nden wie der m\u00e4chtigen Skiorganisation \u00d6SV agiert. Sportstaatssekret\u00e4r Reinhold Lopatka meint: \u00bbMit dem neuen Gesetz ist nun endlich sichergestellt, dass die Verb\u00e4nde keinen Einfluss mehr auf die Kontrollen haben.\u00ab<\/p>\n<p>Hei\u00dft das, die Fachverb\u00e4nde bestimmen derzeit mit, ob ihre eigenen Sportler getestet werden? \u00bbNat\u00fcrlich machen die das. Die wollen ja nicht, dass ihre Stars erwischt werden\u00ab, erz\u00e4hlt ein Leichtathletiktrainer, der anonym bleiben m\u00f6chte, \u00bbweil ich sonst sicher von meinem Fachverband und vom \u00d6ADC schikaniert werde\u00ab. Seiner Erfahrung nach geben die Verb\u00e4nde sogar eindeutige Anweisungen an das Anti-Doping-Comit\u00e9. \u00bbDie sagen immer: Testet doch lieber die Jungen, damit wir sehen, wer wirklich Talent hat und wer einfach schon fr\u00fch mit Doping begonnen hat.\u00ab<\/p>\n<p>Das \u00d6ADC bestreitet diesen Vorwurf. Ein Sprecher erkl\u00e4rt: \u00bbWelcher Sportler wann getestet wird, entscheiden drei sach- und fachkundige Herren.\u00ab Namen oder Qualifikation jener drei Herren seien jedoch geheim. \u00bbWegen des Schutzes der Pers\u00f6nlichkeitsrechte\u00ab, wie der Sprecher behauptet.<\/p>\n<p>\u00bbNicht alle nationalen Antidopingagenturen haben ein Interesse an l\u00fcckenloser Aufkl\u00e4rung\u00ab, meint Dopingexperte Giselher Spitzer. \u00bbMan kennt eben seine Pappenheimer. Und wenn es zu einem Test kommen soll, dann ist der Sportler eben gerade unabk\u00f6mmlich.\u00ab Laut geltendem Antidopinggesetz wird ein Sportler automatisch sanktioniert, wenn er innerhalb von 18 Monaten dreimal f\u00fcr angeordnete Tests nicht auffindbar ist. Das \u00d6ADC gibt dazu eine bemerkenswert offene Auskunft. \u00bbDas kommt bei uns nicht vor. Wenn ein Sportler nicht auffindbar ist, verfolgen wir das in der Regel nicht weiter\u00ab, sagt der Sprecher.<\/p>\n<p>Verraten wird auch das Verfahren, mit dem das \u00d6ADC die Sportler kontrolliert. Es hei\u00dft Intelligent Testing: Dabei sollen Kontrollen haupts\u00e4chlich w\u00e4hrend des Aufbautrainings stattfinden, einer Phase, in der Doping besonders sinnvoll ist: W\u00e4hrend der internationalen Wettk\u00e4mpfe, bei denen die Sportler st\u00e4ndig mit Kontrollen rechnen m\u00fcssen, k\u00f6nnen die verbotenen Substanzen dann nicht mehr nachgewiesen werden.<\/p>\n<p>Ob das \u00d6ADC tats\u00e4chlich in der Trainingsphase \u2013 also intelligent \u2013 testen l\u00e4sst, lie\u00dfe sich leicht mittels einer Auflistung aller Doping-kontrollen verifizieren. Den Nachweis bleibt die oberste Antidopingbeh\u00f6rde \u00d6sterreichs allerdings schuldig. Man k\u00f6nne dar\u00fcber leider keine Informationen weitergeben, wegen der Pers\u00f6nlichkeitsrechte, bedauert der \u00d6ADC-Sprecher, der als i-T\u00fcpfelchen der Verschwiegenheit sogar seinen eigenen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Dabei soll das \u00d6ADC laut Statut neben der \u00bbBek\u00e4mpfung des Dopings im Sport\u00ab auch \u00bbdie Information der am Sport interessierten \u00d6ffentlichkeit und Akteure\u00ab gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n<p>Immerhin w\u00fcrden die Sportfachverb\u00e4nde die geheimen Listen der Dopingtests von dem Anti-Doping-Comit\u00e9 zugestellt bekommen, erkl\u00e4rt der anonyme \u00d6ADC-Sprecher. Tats\u00e4chlich geben Schwimm- und Leichtathletikverband ihre Testlisten ohne Aufhebens weiter. Aus ihnen geht hervor, dass bisweilen alles andere als intelligent getestet wird. Die amtierende Marathon-Rekordhalterin ist etwa im Jahr ihres Rekords w\u00e4hrend ihres Trainings kein einziges Mal kontrolliert worden.<\/p>\n<p>Beim \u00d6SV hingegen wei\u00df man nichts von solchen Listen: Weder Alpin-Direktor Hans Pum noch Pr\u00e4sident Peter Schr\u00f6cksnadel wollen vom \u00d6ADC je eine Aufstellung der Tests bekommen haben. Schr\u00f6cksnadel erkl\u00e4rt aber, die \u00d6SV-Athleten w\u00fcrden h\u00e4ufiger kontrolliert als alle anderen. 150 Kontrollen habe es w\u00e4hrend der vergangenen Skisaison gegeben \u2013 ungef\u00e4hr eine Kontrolle pro Sportler. Ob auch au\u00dferhalb der Wettkampfphase getestet wird, kann Schr\u00f6cksnadel nicht sagen. Er verspricht jedoch, die Liste vom \u00d6ADC anzufordern und dar\u00fcber Auskunft zu geben. Trotz mehrmaliger Nachfragen bleibt er dies bis Redaktionsschluss schuldig.<\/p>\n<h2>Der Olympiasieger wurde vor seiner letzten Saison nicht mehr getestet<\/h2>\n<p>Wohl aus gutem Grund: Der einzige Skistar, der bereit war, mit der ZEIT \u00fcber Doping zu sprechen, der nicht mehr aktive Olympiasieger Fritz Strobl, gibt an, im Sommer vor seiner letzten Saison (2006\/07) kein einziges Mal getestet worden zu sein. Dabei sei gerade bei Skifahrern das Doping w\u00e4hrend des Aufbautrainings sinnvoll, erkl\u00e4rt Sportarzt Hans Holdhaus, einer der entschiedensten Dopinggegner des Landes: \u00bbEtwa mit anabolen Stereoiden\u00ab k\u00f6nnten w\u00e4hrend der Trainingsphase Muskeln aufgebaut werden. F\u00fcr das ehemalige Regierungsmitglied ist die Sache klar: Manche Skifahrer w\u00fcrden richtiggehend aufgepumpt. \u00bbDie machen das sehr professionell. Und nach dem Ende ihrer Karriere verlieren sie dann oft 20 Kilogramm ihrer Muskelmasse.\u00ab<\/p>\n<p>Viele dieser Ger\u00fcchte k\u00f6nnten mit etwas mehr Transparenz aus der Welt geschafft werden. Stattdessen wird verniedlicht. \u00bbAustria is a too small country to make good doping\u00ab, hatte \u00d6SV-Pr\u00e4sident Schr\u00f6cksnadel bei seinem legend\u00e4ren Auftritt 2006 in Turin der versammelten internationalen Presse mitgeteilt. Eine merkw\u00fcrdige Argumentation, wenn es darum geht, die Integrit\u00e4t der dominierenden Skination zu verteidigen.<\/p>\n<p>Schon 2002, nach der ersten \u00f6sterreichischen Dopingaff\u00e4re in Salt Lake City, gab es keine personellen Konsequenzen. Dieselben Akteure waren auch in Turin verantwortlich t\u00e4tig. Und sind es heute noch. Einzig Walter Mayer, den Langlauftrainer, der nach einer Amokfahrt im Februar 2006 den \u00f6sterreichischen Beh\u00f6rden ins Netz ging, konnte der \u00d6SV nicht halten. Auch um ihn ranken sich Ger\u00fcchte. \u00bbDer hat eine gesunde Zahlung erhalten, damit er stillh\u00e4lt\u00ab, erz\u00e4hlt ein \u00d6SV-Mitarbeiter. Der Verband selbst bestreitet das.<\/p>\n<p>Sicher ist: Der Erfolg der geplanten, unabh\u00e4ngigen Antidopingbeh\u00f6rde steht und f\u00e4llt mit den Personen, die dort das Sagen haben werden. Eine tr\u00fcbe Aussicht. \u00bbJetzt schon versucht der \u00d6SV, sich \u00fcber ein Hintert\u00fcrl in die neue Agentur einzuschleichen\u00ab, meint ein Beamter, der an der Umsetzung des Gesetzes im Bundeskanzleramt beteiligt ist. Er macht sich keine Illusionen: \u00bbWird das strenge Dopinggesetz wirklich umgesetzt, muss sich \u00d6sterreich in einigen Sportarten von der Weltspitze verabschieden.\u00ab<\/p>\n<p>Dieser Artikel stammt aus <a href=\"http:\/\/diezeit.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">DIE ZEIT<\/a>, \u00d6sterreich Ausgabe 48\/2007 vom 22. 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